Limeshain, 12.02.2026
Umbenennung der Wernher-von-Braun-Straße: Moralische Verantwortung darf nicht relativiert werden
Die Fraktion von Bündnis 90/DIE GRÜNEN Limeshain bekräftigt ihren Antrag vom 20.10.2025 zur Gemeindevertretersitzung am 11.11.2025, die „Wernher-von-Braun-Straße“ im Ortsteil Rommelhausen in „Otto-Wels-Straße“ umzubenennen.
Die Beratung wurde in den Haupt- und Finanzausschuss am 10.02.2026 verschoben.
Was wir dort miterleben mussten, hat uns sprachlos zurückgelassen.
Bereits 2018 hatten wir als Fraktion einen entsprechenden Antrag eingebracht. Damals wurde unser Vorstoß von CDU und SPD massiv zurückgewiesen. Auch beim zweiten Anlauf blieb die notwendige politische Klarheit aus.
Der Vorsitzende des Ausschusses eröffnete die Sitzung, ohne dem Antragsteller zunächst das Wort zur Begründung zu erteilen und brachte stattdessen unmittelbar einen Gegenvorschlag ein: Der Straßenname solle bestehen bleiben, ergänzt um ein Hinweisschild, das über die Person Wernher von Braun aufklärt.
Dass eine Umbenennung für Gewerbetreibende mit organisatorischem Aufwand verbunden ist, ist für uns nachvollziehbar. Selbstverständlich gilt es, die entstehenden Kosten transparent zu prüfen und gegebenenfalls eine Kostenübernahme durch die Gemeinde zu beraten. Entscheidungen über mögliche Kostenübernahmen obliegen dem Gemeindevorstand beziehungsweise der Gemeindevertretung.
Was wir jedoch nicht nachvollziehen können: Wenn parteiübergreifend eingeräumt wird, dass der Name „Wernher von Braun“ moralisch verwerflich ist – warum fehlt dann der politische Wille, daraus die konsequente Schlussfolgerung zu ziehen?
Stattdessen wurde ein Horrorszenario entworfen: Postzusteller würden Betriebe nicht mehr finden, erhebliche wirtschaftliche Schäden seien zu erwarten, Kosten könnten grundsätzlich nicht übernommen werden.
Den anwesenden Gästen wurde vermittelt, dass ohne ihre Zustimmung nichts geschehen werde.
Wir fragen: Wo bleibt das Mitspracherecht bei anderen grundsätzlichen politischen Entscheidungen? Bei Zumutungen wie Gebührenerhöhungen, dem nächsten Bau- oder Gewerbegebiet?
Bürgerbeteiligung scheint in Limeshain doch eher selektiv erwünscht zu sein, notwendige gesellschaftspolitische Korrekturen gleichzeitig scheinbar nicht zumutbar.
Besonders irritierend war zudem der persönliche Angriff auf unseren Fraktionsvorsitzenden Eric Duda während der Sitzung. Die Sitzungsleitung wirkte der Situation nicht gewachsen und konnte die Diskussion nicht sachgerecht führen.
Für uns bleibt der Kern der Debatte klar: Wernher von Braun war Mitglied der NSDAP und der SS. Er war tief in die Verbrechen gegen KZ-Häftlinge verstrickt und beteiligte sich aktiv und aus Eigennutz an der Ausbeutung von Zwangsarbeitern. Er wählte persönlich Häftlinge aus dem KZ Buchenwald aus und forderte insgesamt 1.350 Arbeitskräfte an – seinerzeit ausschließlich KZ-Häftlinge.
Zwischen 16.000 und 20.000 Menschen mussten unter menschenverachtenden Bedingungen in seiner Produktionsstätte arbeiten, viele von ihnen kamen dort ums Leben. Der Einsatz der A4-Rakete (V2) forderte etwa 8.000 Opfer, überwiegend in der Zivilbevölkerung. Die V2 war damit die einzige Waffe, deren Produktion mehr Menschenleben kostete als ihr Einsatz.
Von Braun selbst sprach 1969 in einem Interview von „Hungergestalten“ in einem „erbarmungswürdigen Zustand“. Dennoch distanzierte er sich nach 1945 nie klar von den Verbrechen des NS-Regimes oder von seiner eigenen Verantwortung.
Unrecht wird nicht zu Recht, nur weil 1986 bei der Eröffnung der Straße eine falsche Entscheidung getroffen wurde.
Mit dem Denkmal für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus und dem Beschluss zur Verlegung von Stolpersteinen hat Limeshain bereits wichtige Schritte der Erinnerungskultur unternommen. Es gilt, diesen Weg konsequent weiterzugehen – und nicht an einem Straßennamen festzuhalten, der einem Täter gewidmet ist.
Eine Umbenennung ist kein radikaler Akt, sondern ein notwendiges Zeichen historischer Verantwortung und moralischer Klarheit.
Bündnis 90/DIE GRÜNEN Limeshain stehen weiterhin für eine konsequente Aufarbeitung und werden sich auch künftig dafür einsetzen, dass unsere Gemeinde ihrer Verantwortung gerecht wird.